Maler mit Modell

1926

 
„Was ist hier aus dem ‚Atelier’ (ein solches liegt ja vor) gemacht! Aus einem ablenkenden Milieu wird wesenloses Raumgefüge, der Boden wird zu einer in den Allraum eingehängten Riesenplatte, bis weit zurück zum Horizont reichend. Vielsagend der schneidende Gegensatz zwischen der dunkelnden, äußersten Nähe des bis obenhin verhüllten Mannes und der mondschimmernden Entfernung des nackten Weibes, das nicht mehr vor einer Wand, sondern der großen Leere des Freiraums zu stehen scheint, der hinter dem Postament in die Tiefe abstürzt. Seltsam die Begegnung mit dem Malbrett, auf dessen schneeweiß schimmernder Unversehrtheit des Malers Oberkörper abgedrückt erscheint, als ginge die Wirklichkeit hier in bloßen Schein über, während das Beinwerk unten unheimlich zum Gestänge der Staffelei verholzt. All das sind ausdrucksvolle Angleichungen [Herv. Roh], mögen sie nun bewußt oder unbewußt entstanden sein.“ I

i Roh, Franz: Zur jüngsten niederrheinischen Malerei. In: Das Kunstblatt 10 (1926), S. 363-368, hier S. 366/367.
Anton Räderscheidt
„Maler mit Modell“ 1926 Öl auf Leinwand
(Verbleib unbekannt) Photo August Sander (Vintage)


Dr. Janina Nentwig

aus ihrer Dissertationsarbeit mit dem Titel „Aktdarstellung in der Neuen Sachlichkeit“, Frankfurt u.a.: Peter Lang, 2011, S. 239-242.


In dem verschollenen Werk Maler und Modell von 1926 geht Räderscheidt wie Dix auf Distanz zu seinem Aktmodell. Rechts im Vordergrund präsentiert sich der Maler in schwarzem Anzug, weißem Hemd und Fliege frontal dem Betrachter zugewandt vor einer leeren Leinwand, die auf einer Staffelei steht. Er hält die Palette vor seinen Unterleib und scheint in seiner verkrampften, ungelenken Haltung nicht bereit, mit der Arbeit zu beginnen. Der abwartende Blick ruht auf dem Betrachter. Im Hintergrund steht auf einem Podest das nackte Modell mit modischem Bubikopf, die Beine geschlossen, die Arme leicht abgespreizt, wobei sie ihren linken Arm etwas weiter nach außen hält und mit der Hand etwas hilflos auf Maler und Leinwand zeigt. Ihr Körper mit stämmigem Rumpf hat keine Taille. Trotz der kompakten Physiognomie mutet die Figur schwerelos an. Die prallen Rundungen an Brust, Bauch und Hüfte wirken aufgeblasen. Zudem sind das Podest wie auch ihre Füße perspektivisch in die Fläche geklappt, so dass der puppenhafte Akt keinen festen Halt hat. Beide Figuren blicken zum Betrachter. [...] Die Szene gerät aufgrund der kippenden Perspektive des leeren Raumes und der erstarrten Figuren zum dumpfen Traum, vermutlich unterstrichen durch die für Räderscheidt Mitte der 1920er Jahre typische tonige, zurückgenommene Farbigkeit. Realität des Ateliers und Fiktion verschwimmen. [...]

Otto Dix „Selbstbildnis mit nacktem Modell“ 1923

..Es sind diese Angleichungen, die dem Bild eine unwirkliche, beklemmende Atmosphäre verleihen. Während der Mann steif und ungelenk eine Einheit mit der Staffelei bildet, ist der schwebende Akt im Vergleich zu Dix’ und Dresslers Modellen eine irreale Montage von porträthaft ausgestaltetem Kopf und Puppenkörper. Diese Verbindung von Realität und Surrealität steht stellvertretend für das gesamte Bild und beschreibt die Kunstauffassung des magischen Realisten Räderscheidt. Die körperlichen Gegensätze zwischen Mann und Frau verstärken Fremdheit und Distanz, die zwischen dem Maler und seinem Modell emotional wie räumlich liegen. Statt einer inspirierenden, erotischen Beziehung zwischen Muse und Künstler hat sich dieser beinahe ängstlich von seinem Motiv abgewendet. Anders als Dix ist er nicht der dominante kühl sezierende Beobachter, der die Situation beherrscht. Seine Leinwand bleibt, wie bei Dressler, leer. Jedoch spricht nicht die Vergänglichkeit des Lebens aus Räderscheidts Bild, das aus dem Zeitfluss herausgenommenen ist, sondern eine geradezu zeitlose Leere, die Mann und Frau nicht überwinden können. Sie sind einander fremd geworden und in ihren Rollen als Maler und Modell handlungsunfähig erstarrt.